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Chest Pain Unit - Spezialeinheit für Brustschmerzen

Interview mit Prof. Dr. Harald Mudra, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin am Klinikum Neuperlach

Herr Prof. Mudra, seit fünf Jahren gibt es an deutschen Kliniken sogenannte Chest Pain Units; wie profitieren Patientinnen und Patienten von diesen Spezialeinheiten für Brustschmerz?
Prof. Mudra: Wenn die Pflichtkriterien einer Chest Pain Unit erfüllt sind und diese auch eingehalten werden, haben Menschen mit Brustschmerzen einen deutlichen Vorteil, sowohl was die rasche Diagnose als auch die folgende, zielgerichtete Behandlung anbelangt. Unsere wurde übrigens im Juli 2009 als eine der ersten in München eröffnet. Mittlerweile hat die Task Force der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), der ich angehöre, in Deutschland nahezu flächendeckend 170 dieser Einheiten zertifiziert. Auch in der Schweiz und in Österreich wurden bereits die ersten Chest Pain Units zertifiziert – in Partnerschaft mit der DGK.

Wie läuft das Procedere ab nach der Aufnahme im Notfallzentrum?
Prof. Mudra: Die Patientinnen und Patienten stellen sich entweder selbst vor oder werden von der Rettungsleitstelle als Brustschmerz-Patient angemeldet. Zunächst fragt die erste Kontaktperson, in der Regel eine besonders geschulte Pflegekraft, nach den konkreten Beschwerden, fertigt ein 12-Kanal-EKG an und sorgt für die Abnahme des Notfall-Labors. Darauf wird ein Kardiologe bzw. ein Arzt mit kardiologischer Kompetenz hinzugezogen, der eine Ersteinschätzung vornimmt, ob es sich bei den Beschwerden tatsächlich um eine Herzerkrankung handelt oder um Beschwerden, die gar nichts mit dem Herzen zu tun haben, und etwa von einem Magengeschwür oder muskulären Fehlfunktionen herrühren.
Wenn man solche ausschließen konnte und damit eine Herz-Kreislauf-Erkrankung im Fokus des Verdachts steht, muss diese möglichst schnell differenziert werden. Am wichtigsten ist die Erkennung einer akuten Minderdurchblutung des Herzmuskels, ein sogenanntes akutes Koronarsyndrom, und die Abgrenzung von anderen, potentiell lebensbedrohlichen Erkrankungen, die ebenso ein sehr rasches aber differentes Vorgehen erfordern, nämlich einem Einriss der großen Körperschlagader (Aortendissektion) oder einer Lungenarterienembolie.

Die Diagnose und Versorgung in einer Chest Pain Unit erfolgt nach Behandlungspfaden, die von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie vorgegeben werden.

Was ist ein akutes Koronarsyndrom?
Prof. Mudra: Im eigentlichen Sinn ist ein akutes Koronarsyndrom (ACS) eine Beschwerdesymptomatik, die überwiegend aber nicht immer als Brustschmerz empfunden und durch eine Minderdurchblutung des Herzmuskels hervorgerufen wird. Oft wird aber auch nur eine beengende Luftnot oder – gerade bei Frauen – ein unspezifisches Unwohlsein, eine Schwäche oder eine mehr im Oberbauchraum lokalisierte Missempfindung angegeben.

Wie wird das akute Koronarsyndrom in der Chest Pain Unit behandelt?
Prof. Mudra: Aus der Symptomatik der Patientin oder des Patienten und dem EKG alleine, also noch vor Eintreffen der Laborwerte, müssen die Patienten mit einem Herzinfarkt, der auf einem zumindest passageren, vollständigen Gefäßverschluss eines Herzkranzgefäßes beruht, innerhalb von zehn Minuten diagnostiziert sein. Solche Herzinfarkte heißen ST-Streckenhebungsinfarkte (STEMI) und werden sofort in das Herzkatheterlabor zur Wiedereröffnung des Koronargefäßes gebracht.
Daneben gibt es noch zwei Untergruppen des akuten Koronarsyndroms, nämlich die instabile Angina Pectoris und der Nicht-ST-Streckenhebungsinfarkt (NSTEMI).
Zur Differenzierung sind die ermittelten Laborwerte, Marker für die Entdeckung eines Herzmuskelschadens, die Troponine, wichtig. Sind diese entweder sofort bei Aufnahme des Patienten oder bei einer Kontrolle nach sechs Stunden erhöht, liegt ein NSTEMI, also auch ein Herzinfakt vor, ansonsten eine instabile Angina Pectoris. Für alle diese Untergruppen werden spezielle, standardisierte Diagnose- und Therapiepfade angewendet.

Wer von diesen Patienten mit akutem Koronarsyndrom ist ein Fall für die Chest Pain Unit?
Prof. Mudra: Patientinnen und Patienten mit ST-Streckenhebungsinfarkt kommen nicht auf die Chest Pain Unit (CPU), diese müssen sofort in den Herzkatheter transportiert werden. Auf die CPU werden Patientinnen und Patienten mit instabiler Angina Pectoris und Nicht-St-Strecken-Hebungsinfarkt aufgenommen, da sie einer genauen Beobachtung durch einen Kardiologen bedürfen. Hier sind die Stabilität des Kreislaufes und des Herzrhythmus sicherzustellen und weitere spezifische Diagnoseverfahren, wie etwa eine genaue Herzultraschalluntersuchung, durchzuführen. Dabei wird nochmals genau differenziert, ob möglicherweise eine Aortendissektion oder eine Lungenembolie oder aber eine Hochdruckkrise oder primäre Herzrhythmusstörung vorliegt.

Was passiert in der Chest Pain Unit?
Prof. Mudra: Je nachdem zu welcher Differentialdiagnose wir gekommen sind, erhält die Patientin oder der Patient gerinnungshemmende Mittel wie Heparin, Hemmstoffe der Blutplättchen oder eine andere Behandlung, die der jeweilige Pfad vorschreibt (siehe Kasten). In der Regel bleiben die Patienten in der Chest Pain nicht länger als 12-24 Stunden. In dieser Zeit sollte auch bei einem NSTEMI die Herzkatheteruntersuchung erfolgen – je nach Ausmaß der Risikokonstellation. Bei den Patientinnen und Patienten mit niedrigerem Risiko geschieht dies innerhalb von 48-72 Stunden, das heißt nach Verlegung auf eine kardiologische Normalstation.

Wie groß ist Ihre Chest Pain Station und wie lange muss man dort bleiben?
Prof. Mudra: Vorgeschrieben sind mindestens vier Betten, und so viele haben wir auch. Diese sind so gut wie immer ausgelastet.
Die Abverlegung auf die normale Bettenstation oder die Verbringung in das Herzkatheterlabor erfolgt so schnell wie möglich nach den genannten Risikoeinschätzungen mit Hilfe spezieller Einteilungsschemata, sogenannter Scores. Patienten mit zweifach negativer Troponinbestimmung innerhalb von sechs Stunden können übrigens rasch nach Hause entlassen werden und die weitere, eventuell notwendige Diagnostik bei ihrem Hausarzt bzw. niedergelassenen Facharzt durchführen lassen.

Eine Befragung hat unlängst ergeben, dass die Zufriedenheit auf der Chest Pain im Vergleich zur Versorgung in einer allgemeinen internistischen Notaufnahme deutlich höher ist, weil die Patientinnen und Patienten auch die Wahrnehmung haben, schneller kompetent behandelt zu werden.

Prof. Dr. Harald Mudra, Chefarzt

Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin
im Klinikum Neuperlach

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