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„Normales Verhalten endet dann, wenn man sich selbst gefährdet“

Dr. Jakob Nützel spricht über psychische Belastungen bei Jugendlichen

Im Harlachinger Krankenhaus der Städtischen Klinikum München GmbH ist Dr. Jakob Nützel Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychosomatik. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Zusammenhang von gesellschaftlichen und sozialen Faktoren auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen in der Adoleszenz.

Wie unbeschwert geht es in Deutschlands Kinderstuben noch zu?
Nützel: Die Angst der Eltern, dass ihr Kind keine ideale Entwicklung macht, ist größer geworden. Das liegt vor allem an der abnehmenden Kinderzahl. Mit ihr wächst der Anspruch der Eltern und der Gesellschaft ans Kind. Das spüren die Kinder. Hinzu kommt die Auflösung gesellschaftlicher Strukturen. Eltern müssen im Berufsleben immer flexibler und mobiler sein. Die Folgen: Eltern bekommen ihre Kinder immer später und Akademikerinnen im Durchschnitt auch weniger Kinder.

Dennoch sind Kinder aus einkommensschwachen Familien von seelischen Krisen stärker betroffen.
Ja. Durch die gesellschaftlichen Entwicklungen, gerade auf dem Arbeitsmarkt. Es entstehen Belastungen zwar für alle. Für Geringverdiener oder Alleinerziehende sind sie im Verhältnis aber größer. Die Ressourcen innerhalb einer Familie sind entscheidend. Gerade Alleinerziehende sind oftmals größerem Zeitdruck und Stress ausgesetzt – und manchmal auch finanziell zusätzlich gefordert. Unterm Strich bleibt dann deutlich weniger Zeit mit den Kindern als in Zwei-Eltern-Familien, selbst wenn dort beide arbeiten. Diese Auswirkungen auf die Kinder sind insgesamt in den sozial schwächeren Schichten stärker ausgeprägt und begünstigen die Entstehung seelischer Krisen oder von Verhaltensproblemen.

Leiden sie auch anders?
Kinder aus akademischen und gut verdienenden Kreisen mit einer seelischen Krise sind oft nach außen angepasster. Sie wollen der meist hohen Leistungserwartung der Eltern entsprechen. Haben sie das Gefühl, dem nicht gerecht zu werden, leiden sie lange still vor sich hin. Zahlenmäßig spielen diese Kinder und Jugendliche aber eine kleinere Rolle. Viel größer ist der Anteil derer, die dauerhaft Armut oder einer Vielzahl an psychosozialen Belastungen ausgesetzt sind.

Und wie sieht es mit den hormonellen Einflüssen in der Adoleszenz aus?
Hormonelle Veränderungen spielen eine wichtige Rolle. Der Körper ändert sich, die gesellschaftlichen Rollenerwartungen werden bewusster wahrgenommen. Jungs und Mädels versuchen auf ganz unterschiedliche Wege, auf sich aufmerksam zu machen und ihre Ziele bei anderen zu erreichen. Jugendliche müssen erst erlernen mit den teilweise sehr intensiven Lebensgefühlen klar zu kommen, die ihnen in der Adoleszenz begegnen. Man wird experimentierfreudig. Jungs wie Mädels wollen da ihre Grenzen austesten.

Erste Erfahrungen mit Drogen, S-Bahn-Surfen, und Ohnmachtsanfälle, wenn der Popstar vor einem steht – welches Verhalten ist normal?
Mutproben sind zunächst normal. Es ist auch normal sich mit Idolen in der Jugend mehr zu identifizieren, als dies Kinder oder Erwachsene tun. Normales Verhalten hört sicherlich an der Stelle auf, an der man sich selbst gefährdet oder überhaupt nicht an die Folgen des eigenen Handelns bedenkt. Hier sollten Eltern längst das Gespräch gesucht haben - Fragen, was los ist und signalisieren, dass sie sich Sorgen machen. Dran bleiben und ehrliches Interesse zeigen, nicht bevormunden oder moralisieren. Alles vermeiden, was Jugendlichen das Gefühl geben könnte, man wolle sie klein machen. Nimmt man sich gegenseitig ernst, gehört auch dazu, Konflikte auszutragen und nicht immer einer Meinung zu sein. In einem solchen Dialog können Jugendliche am besten herausfinden, welche Entscheidungen sie für sich treffen wollen.

Dr. Jakob Nützel, Chefarzt

Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik
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