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Aktuelles Medizinthema: Medikamentensucht

Expertin des Beitrags ist Kirsten Meyer. Sie ist Oberärztin und leitet den Bereich Suchtmedizin des Klinikums Schwabing. Dort ist sie Teil des Teams, das in der Entzugsstation „Die Villa“ opiatabhängige Patienten betreut.

Der steinige Weg aus der Sucht

Heroinsüchtige gelten als kriminell, Tablettensüchtige als krank. Robert Schmitt, 33, war beides. Doch er hat den Ausstieg geschafft – ein steiniger Weg mit vielen Rückschlägen. 
Von Andrea Eppner, Münchner Merkur  

Robert Schmitt (Name geändert) trägt T-Shirt und Jeans, die Haare sind ordentlich geschnitten. Er könnte ein junger Lehrer sein oder vielleicht Pfleger oder Sozialarbeiter. Seinen wahren Beruf will der 33-Jährige nicht verraten, auch nicht seinen richtigen Namen. Denn Schmitt hat einiges zu verlieren: sein neues Leben mit Frau, Freunden und Job, das er sich hart erarbeitet hat: Robert Schmitt ist clean. Zum vierten Mal.

Hinter dem jungen Mann liegen harte Jahre. Schon als Teenager war er in die Sucht gerutscht. Damals waren es illegale Drogen: Mit 16 probierte er Haschisch – und blieb hängen. Später kam Heroin dazu, dann auch Tabletten gegen die Schlafstörungen, welche die Droge auslöst: Benzodiazepine. Den Absprung schaffte Schmitt erst mit 20: Zum ersten Mal in seinem erwachsenen Leben war er frei von Drogen. Doch dann, ein Autounfall. Er bahnte seinen Weg zurück in die Sucht.

„Ich hatte starke Rückenschmerzen“, sagt Schmitt. Der Arzt verschrieb Tramadol, ein Wirkstoff, der wie Heroin zu den Opioiden gehört. In der Medizin werden solche Stoffe oft in der Schmerztherapie eingesetzt. Für die meisten Patienten ist das auch kein Problem: Sie brauchen die Mittel nur kurz.

Doch für Robert Schmitt, den Ex-Junkie, war es der Weg zurück in die Sucht. „Der Arzt kannte meine Geschichte“, sagt er. Aber Tramadol ist ein schwaches Opioid, fällt nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. „Er hat das wohl unterschätzt“, sagt Schmitt. Das Mittel linderte nicht nur den Schmerz. Es brachte auch die Sucht zurück: Bald griff er auch nach den Medikamenten des Vaters, der Schmerzpatient war und Morphine bekam. Ausgerechnet.

Schmitt war bald wieder voll drauf. Diesmal ganz legal: Seine Drogen bekam er nun auf Rezept. „Sucht auf bodenständige Art, gesellschaftlich akzeptiert“, sagt er. Statt zum Dealer ging er nun in die Apotheke. „Da fühlt man sich gleich nicht mehr so krank, fühlt sich relativ normal.“

Wenn die Tablettenschachtel leer war, konnte Schmitt jetzt einfach zum Arzt gehen. Lügen musste er dabei nie: Bei seinem zweiten Rückfall erzählte er etwa einfach von einer persönlichen Krise, in der er gerade steckte. Er schlafe schlecht, müsse aber für die Arbeit fit sein, erklärte er dem Arzt. Er hätte gerne ein Schlafmittel, nur für ein paar Wochen, bis alles wieder okay sei. Das klang so vernünftig, als hätte Schmitt alles im Griff. Die frühere Heroinsucht wurde nun zum Druckmittel. Der Arzt wusste genau: Wenn er das Rezept nicht ausstellt, besorgt sich sein Patient vielleicht viel schlimmere Mittel. „Das war fast schon Erpressung“, sagt Schmitt heute.

Zunächst aber schien alles gut zu gehen. Der Arzt sah sich bestätigt. Nach außen hin hatte Robert Schmitt sein Leben im Griff. Längst hatte er sich von der Drogenszene gelöst. Er wollte nichts mehr wissen vom „Ballern“ und den Leuten, die es tun. Er hatte gelernt, sich gewählt auszudrücken, war bürgerlich geworden – und die Tabletten halfen ihm, es auch zu bleiben. Sie machten es ihm leichter, mit dem Leistungsdruck zurechtzukommen. „Das funktionierte gut“, sagt Schmitt. „In der Früh war ich topfit, tagsüber gut drauf.“ Lange bemerkte niemand etwas von der Sucht. Nicht einmal Schmitts Freundin, die sein Vorleben kannte.

Doch die Wirkung der Medikamente lässt nach einiger Zeit nach. Für den gleichen Effekt musste Schmitt die Dosis erhöhen. Doch damit verstärkten sich auch die Nebenwirkungen. „Man ist müde, liegt nur noch auf der Couch, hat zu nichts mehr Lust“, erzählt Schmitt. „Dann will man sein altes Leben zurück – das ohne Tabletten.“ Arbeiten, ausgehen, Sex? „Mit den Medikamenten geht das nicht mehr“, sagt Schmitt. Jede Beziehung, die er bis dahin hatte, sei an der Sucht zerbrochen.

Doch Robert Schmitt hat nie aufgegeben, sich zurück ins Leben gekämpft, immer wieder. Entzug, Therapie, wieder Tritt fassen – vier Mal hat Schmitt das durchgemacht. „Man darf hinfallen“, sagt er. „Schlimm ist es, wenn man nicht mehr aufsteht.“

Eingebrannt hat sich auch die Erinnerung an die Zeit nach dem kurzen Pillenhoch. Gerade mal vier bis sechs Wochen habe das zuletzt noch angehalten. Dann ging es abwärts, bald folgte der Entzug. Drei Mal war Robert Schmitt dafür in der „Villa“, dem Haus im Klinikum Schwabing, in dem Suchtpatienten behandelt werden.

Zum Konzept der Villa gehört vom ersten Tag an eine Psychotherapie mit Gruppen- wie Einzelsitzungen. Viele Kliniken böten nur den körperlichen Entzug an, sagt Schmitt. Der Kampf gegen die Abhängigkeit beginne erst danach, stationär in einer Suchtklinik oder ambulant in der Praxis eines Therapeuten. Doch bis der gefunden, die Kostenerstattung geklärt und der erste Termin vereinbart ist, dauere es, sagt Dr. Kirsten Meyer, Suchtmedizinerin in der Villa. Diese Zeit muss der Patient allein durchstehen. Dabei hat sich an seinen Problemen nichts geändert – und er hat noch nicht gelernt, anders als mit Tabletten darauf zu reagieren

Der körperliche Entzug bleibt aber auch den Patienten in der Villa nicht erspart. Ein wenig wie bei einer schweren Grippe sei das gewesen, erzählt Schmitt. Schlapp und niedergeschlagen habe er sich gefühlt, aber auch unruhig, konnte kaum schlafen. Trotz 30 Grad im Schatten habe er furchtbar gefroren, die Beine zitterten, alles tat weh. „Und Schmerzmittel helfen nicht.“

Doch bekommen die Patienten in der Villa durchaus auch Medikamente. Antiepileptika etwa. Sie sollen gefährliche Krampfanfälle verhindern. Sogar das Suchtmittel selbst erhalten die Kranken zunächst weiter. Erst nach und nach wird die Dosis immer weiter gesenkt, um lebensgefährliche Folgen des Entzugs zu verhindern. „Wir müssen Medikamente geben“, erklärt Meyer. Sonst drohten Psychosen, Depressionen oder gar ein Suizid. Damit die Patienten das Gefühl für die Dosis verlieren, gibt es die Mittel aber in flüssiger Form, mit Apfelsaft gemischt. Am Ende gibt es nur noch Saft. Dass sie schon ein paar Tage pillenfrei durchgestanden haben, erfahren die Patienten erst danach. So lernen sie, dass es auch ohne geht.

Denn nicht nur der Körper leidet. Wenn die dämpfende Wirkung der Benzodiazepine schwindet, „erwachen die Gefühle wieder“, sagt Meyer. Doch meist waren sie es, die nur noch mit Tabletten erträglich schienen. „Beim Entzug liegen darum oft die Nerven blank“, sagt Meyer. Die Patienten müssen erst lernen, anders damit umzugehen.

Schmitt geht zum Beispiel seit einem Jahr joggen. Damit hat er sich nicht nur die Rückenschmerzen wegtrainiert. Der Sport schluckt auch den Stress, die Gedanken an die Arbeit lösen sich. Dann ist er auch fit für den Abend mit der Freundin. Sein Kopf sagt ihm: Dein Leben ist viel zu kostbar, um es noch mal gegen Tabletten zu tauschen. Er sagt ihm auch: Die Sucht schlummert nur. „Wenn es einem schlecht geht, weiß man, was sofort helfen würde.“ Die Verknüpfung im Hirn bleibt. Doch der junge Mann ist zuversichtlich. „Mit 32 soll die Chance am größten sein, von der Sucht wegzukommen“, sagt er. Robert Schmitt ist 33 – und seit einem Jahr clean.

 

 

 

Stichwort: Medikamentensucht

Von Andrea Eppner, Münchner Merkur

Sie sollen Krankheiten heilen oder Beschwerden lindern. Doch falsch verwendet, können Medikamente auch abhängig machen. „Psychische und Verhaltensstörung durch x (Name des Medikaments)“ lautet dann die Diagnose, ergänzt durch den Zusatz schädlicher Gebrauch/Missbrauch oder Abhängigkeitssyndrom. Letzteres liegt vor, wenn der Betroffene ein starkes Verlangen hat, die Substanz einzunehmen. Er hat zudem die Kontrolle verloren, wie viel er einnimmt und wann am Tag er damit beginnt. Zudem leidet er unter körperlichen Entzugssymptomen, wenn er das Mittel nicht einnimmt und er muss nach einiger Zeit die Dosis erhöhen, um noch die gleiche Wirkung zu erzielen. Viele vernachlässigen Verpflichtungen und andere Aktivitäten. Sie können auch dann nicht aufhören, wenn dies bereits Folgen, wie etwa den Verlust des Arbeitsplatzes oder körperliche Schäden hatte. Mancher wird sogar kriminell, um an den Suchtstoff zu kommen.

Was Menschen von Medikamenten abhängig macht

Von Oberärztin Kirsten Meyer, Leiterin des Bereichs Suchtmedizin am Klinikums Schwabing 

(Bild: Entzugsstation "Die Villa" am Klinikum Schwabing)

 

Medikamentensucht hat viele Gesichter: Zu unterscheiden sind zunächst die körperliche und die psychische Abhängigkeit. Vereinfacht ist bei ersterer mit Entzugssymptomen zu rechnen, wenn Betroffene die Medikamente nicht mehr nehmen. Sie können von Unruhe, Schlafstörungen, Reizbarkeit und depressiven Verstimmungen bis zu epileptischen Krampfanfällen, Psychosen, Suizidgedanken oder -versuchen und weiteren lebensbedrohlichen Zuständen reichen. Die psychische Abhängigkeit äußert sich dagegen meist in kaum stillbarem Verlangen nach der betreffenden Substanz. Das Denken kreist fast nur noch darum. Hinzu können Unruhe, Reizbarkeit und ähnliche mildere Symptome kommen, wie sie auch für eine körperliche Abhängigkeit typisch sind. Ihre Ursache liegt in der unterbrochenen Gewohnheit.

Daher ist es manchmal schwierig, die beiden Formen der Abhängigkeit zu unterscheiden. Dies ist aber wichtig, weil bei körperlichen Entzugssymptomen oft eine medikamentöse Behandlung nötig ist. Um die Stärke der Abhängigkeit sowie das zu erwartende Ausmaß des Entzuges einschätzen zu können, sind auch die Art des Medikaments, die Dauer der Einnahme sowie die Höhe der Dosis entscheidend.

Je früher behandelt wird, desto besser sind die Aussichten

Die häufigste Medikamentensucht ist die Abhängigkeit von Benzodiazepinen. Dem „Jahrbuch Sucht 2012“ zufolge sind etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland betroffen. Benzodiazepine werden seit Jahrzehnten eingesetzt: als Schlafmittel, zur Beruhigung, bei Ängsten, muskulären Verspannungen, Depressionen, in der Akutmedizin bei epileptischen Anfällen und Narkosen. Sie wirken rasch und meist zuverlässig, machen aber schnell abhängig. So ist bereits nach vierwöchiger regelmäßiger Einnahme von einer beginnenden Abhängigkeit auszugehen.

Wird ein Medikament länger eingenommen, lässt häufig auch dessen Wirkung nach. Oft erhöhen Betroffene dann die Dosis, um die Wirkung wieder zu spüren. Mediziner sprechen von der Entwicklung einer Toleranz – ein deutlicher Hinweis auf ein Abhängigkeitssyndrom.

Die entstandene Sucht lässt sich umso leichter behandeln, je früher die Therapie beginnt. Besteht die Abhängigkeit erst kurz, reicht oft eine ambulante Behandlung, gegebenenfalls mit medikamentöser Unterstützung. Je länger die Erkrankung besteht und je höher die genommene Dosis ist, desto eher ist eine stationäre Behandlung nötig. So kann man früh eingreifen, wenn es Komplikationen gibt. Zudem ist es für Betroffene oft hilfreich, sie zeitweise aus ihrem Umfeld zu holen, wenn dieses belastet ist. Das verhindert zudem, dass sie sich wie gewohnt Medikamente beschaffen.

Neben der körperlichen Entgiftung ist es aber auch wichtig, die Erkrankung zu behandeln, wegen der der Patient angefangen hat, Medikamente zu nehmen. Bei Benzodiazepinen sind das etwa oft Depressionen oder Ängste. Unerlässlich ist es zudem, die Abhängigkeit selbst therapeutisch anzugehen und/oder Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe zu suchen. Zu beachten ist, dass nach überwundener Sucht ein „Suchtgedächtnis“ bleibt: Wer erneut zu dem Medikament greift, wird rasch wieder davon abhängig – viel schneller als ein Mensch, der das Mittel zum ersten Mal nimmt. Das gilt übrigens auch für andere Arzneimittel, die schnell abhängig machen. Darum ist es sehr wichtig, seinen Arzt über eine frühere Suchterkrankung zu informieren und dies nicht aus Scham zu verschweigen. Damit Betroffene dafür nicht diskriminiert werden, wäre eine breite Information der Gesellschaft wünschenswert.

Warum der eine süchtig wird, ein anderer aber nicht, lässt sich nicht so einfach beantworten. Meist treffen mehrere Faktoren zusammen: Erst war eine kurze Verschreibung geplant, der Patient nimmt die Medikamente weiter, das Risiko einer Abhängigkeit wurde nicht besprochen oder unterschätzt. Oder das Medikament wurde von Dritten empfohlen, aus der eigenen Hausapotheke weitergegeben, das Absetzen war geplant, wurde aber wieder verschoben. Manches klingt auch widersprüchlich: Das Medikament wird weiterverordnet, weil es noch nicht gut genug gewirkt hat – oder auch gerade, weil es so gut wirkt. Und ein Rezept ausstellen geht eben schneller als mit dem Patienten zu sprechen. Insbesondere, wenn es um ein so schwieriges Thema wie ein schlechtes psychisches Befinden geht. Um einen zu hohen Konsum zu verbergen, werden dann nicht selten Privatrezepte ausgestellt. Oft gehen Patienten auch zu mehreren Ärzten. 

80 Prozent der von Benzodiazepinen Abhängigen sind Frauen

Auch gesellschaftliche Veränderungen haben wohl die Skepsis schwinden lassen, Medikamente einfach so zu nehmen, ohne wirklich krank zu sein. So hat sich etwa der Umgang mit Schwäche und Dysfunktionalität verändert. Zudem ist eine zunehmende Bereitschaft zu beobachten, sich durch Substanzen Vorteile zu verschaffen – nicht nur im Sport durch Doping. Stimmungsaufheller sollen das Wohlbefinden sichern, Gehirndoping bessere Leistungen bei Prüfungen bringen und um „endlich richtig Spaß zu haben“ nimmt man Partydrogen. Viele Belastungen im sozialen Bereich werden zudem diskret mit „Pille statt Pulle“ gelöst – nach dem Motto „Schlucken und Schweigen“. Auffällig ist, dass etwa 80 Prozent der Benzodiazepin- Abhängigen Frauen sind. Auch nehmen psychische Erkrankungen, daraus resultierende Arbeitsunfähigkeit bis hin zur Frühberentung zu.

Für einige Suchtstoffe ist auch eine genetische Präposition gefunden worden. Das heißt, dass bei Betroffenen Botenstoffe im Gehirn anders verteilt oder die Rezeptoren, an die sie sich anlagern um ihre Wirkung zu entfalten, empfindlicher sind. In den meisten Fällen einer Abhängigkeit von Medikamenten ist professionelle Hilfe unerlässlich. Darum gibt es für Betroffene und ihre Angehörigen vielfältige Hilfsangebote. Dazu gehören etwa Beratungsstellen, spezialisierte Entzugskliniken, aber auch niedergelassene Ärzte und Therapeuten, Selbsthilfegruppen und viele mehr. 

 

Hinweis:

Die Beiträge zu diesem Themenschwerpunkt sind auch im Rahmen der Serie »Meine Sprechstunde« im Münchner Merkur vom 21. Januar 2013 erschienen.