Medikamentensucht, Tablettensucht

Sie sollen Krankheiten heilen oder Beschwerden lindern. Doch falsch verwendet, können Medikamente auch abhängig machen. Die Tablettensucht hat viele Gesichter: zu unterscheiden sind die körperliche und die psychische Abhängigkeit. Manchmal ist es schwierig, die beiden Formen der Abhängigkeit zu unterscheiden. Dies ist aber wichtig, weil bei körperlichen Entzugssymptomen oft eine medikamentöse Behandlung nötig ist. Um die Stärke der Abhängigkeit sowie das zu erwartende Ausmaß des Entzuges einschätzen zu können, sind auch die Art des Medikaments, die Dauer der Einnahme sowie die Höhe der Dosis entscheidend.

Über eine Million Menschen betroffen

Die häufigste Medikamentensucht ist die Abhängigkeit von Benzodiazepinen. In Deutschland sind ca. 1,5 Millionen Menschen betroffen. Benzodiazepine werden seit Jahrzehnten eingesetzt:

  • als Schlafmittel
  • zur Beruhigung
  • bei Ängsten
  • bei muskulären Verspannungen
  • bei Depressionen
  • in der Akutmedizin bei epileptischen Anfällen und Narkosen

Sie wirken rasch und meist zuverlässig, machen aber schnell abhängig. So ist bereits nach vierwöchiger regelmäßiger Einnahme von einer beginnenden Abhängigkeit auszugehen.  

Wie sich Medikamentensucht äußert

Körperliche Abhängigkeit

Bei der körperlichen Abhängigkeit ist mit Entzugssymptomen zu rechnen, wenn Betroffene die Medikamente nicht mehr nehmen. Sie können von Unruhe, Schlafstörungen, Reizbarkeit und depressiven Verstimmungen bis zu epileptischen Krampfanfällen, Psychosen, Suizidgedanken oder -versuchen und weiteren lebensbedrohlichen Zuständen reichen.

Psychische Abhängigkeit

Die psychische Abhängigkeit äußert sich dagegen meist in kaum stillbarem Verlangen nach der betreffenden Substanz. Das Denken kreist fast nur noch darum. Hinzu können Unruhe, Reizbarkeit und ähnliche mildere Symptome kommen, wie sie auch für eine körperliche Abhängigkeit typisch sind. Ihre Ursache liegt in der unterbrochenen Gewohnheit.

Warum Tabletten abhängig machen

Wird ein Medikament länger eingenommen, lässt häufig auch dessen Wirkung nach. Oft erhöhen Betroffene dann die Dosis, um die Wirkung wieder zu spüren. Mediziner sprechen von der Entwicklung einer Toleranz – ein deutlicher Hinweis auf ein Abhängigkeitssyndrom.  

Ambulant oder stationär?

Die entstandene Sucht lässt sich umso leichter behandeln, je früher die Therapie beginnt. Besteht die Abhängigkeit erst kurz, reicht oft eine ambulante Behandlung, gegebenenfalls mit medikamentöser Unterstützung.

Je länger die Erkrankung besteht und je höher die genommene Dosis ist, desto eher ist eine stationäre Behandlung nötig. So kann man früh eingreifen, wenn es Komplikationen gibt. Zudem ist es für Betroffene oft hilfreich, sie zeitweise aus ihrem Umfeld zu holen, wenn dieses belastet ist. Das verhindert zudem, dass sie sich wie gewohnt Medikamente beschaffen.  

Gefahr Suchtgedächtnis

Neben der körperlichen Entgiftung ist es aber auch wichtig, die Erkrankung zu behandeln, wegen der der Patient angefangen hat, Medikamente zu nehmen. Bei Benzodiazepinen sind das etwa oft Depressionen oder Ängste.

Unerlässlich ist es zudem, die Abhängigkeit selbst therapeutisch anzugehen und/oder Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe zu suchen.

Zu beachten ist, dass nach überwundener Sucht ein „Suchtgedächtnis“ bleibt: Wer erneut zu dem Medikament greift, wird rasch wieder davon abhängig – viel schneller als ein Mensch, der das Mittel zum ersten Mal nimmt. Das gilt übrigens auch für andere Arzneimittel, die schnell abhängig machen. Darum ist es sehr wichtig, seinen Arzt über eine frühere Suchterkrankung zu informieren und dies nicht aus Scham zu verschweigen.

Warum wird man süchtig?

Warum der eine süchtig wird, ein anderer aber nicht, lässt sich nicht so einfach beantworten. Meist treffen mehrere Faktoren zusammen: Erst war eine kurze Verschreibung geplant, der Patient nimmt die Medikamente weiter, das Risiko einer Abhängigkeit wurde nicht besprochen oder unterschätzt. Oder das Medikament wurde von Dritten empfohlen, aus der eigenen Hausapotheke weitergegeben, das Absetzen war geplant, wurde aber wieder verschoben.

Manches klingt auch widersprüchlich: Das Medikament wird weiterverordnet, weil es noch nicht gut genug gewirkt hat – oder auch gerade, weil es so gut wirkt. Und ein Rezept ausstellen geht eben schneller als mit dem Patienten zu sprechen. Insbesondere, wenn es um ein so schwieriges Thema wie ein schlechtes psychisches Befinden geht.

Um einen zu hohen Konsum zu verbergen, werden dann nicht selten Privatrezepte ausgestellt. Oft gehen Patienten auch zu mehreren Ärzten.   

80 Prozent der Benzodiazepin-Abhängigen sind Frauen

Gesellschaftliche Veränderungen haben wohl die Skepsis schwinden lassen, Medikamente einfach so zu nehmen, ohne wirklich krank zu sein. So hat sich etwa der Umgang mit Schwäche und Dysfunktionalität verändert. Zudem ist eine zunehmende Bereitschaft zu beobachten, sich durch Substanzen Vorteile zu verschaffen – nicht nur im Sport durch Doping.

Stimmungsaufheller sollen das Wohlbefinden sichern, Gehirndoping bessere Leistungen bei Prüfungen bringen und um „endlich richtig Spaß zu haben“ nimmt man Partydrogen. Viele Belastungen im sozialen Bereich werden zudem diskret mit „Pille statt Pulle“ gelöst – nach dem Motto „Schlucken und Schweigen“.

Auffällig ist, dass etwa 80 Prozent der Benzodiazepin-Abhängigen Frauen sind. Auch nehmen psychische Erkrankungen, daraus resultierende Arbeitsunfähigkeit bis hin zur Frühberentung zu.  

Für einige Suchtstoffe ist auch eine genetische Präposition gefunden worden. Das heißt, dass bei Betroffenen Botenstoffe im Gehirn anders verteilt oder die Rezeptoren, an die sie sich anlagern um ihre Wirkung zu entfalten, empfindlicher sind.  

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