Icon Notfall
Notfall

Neurologische Frührehabilitation nach einem Schlaganfall

Nach einem Schlaganfall ist nichts mehr wie zuvor: Viele Patienten können nicht mehr sprechen, haben Lähmungen, und sind plötzlich auf Hilfe angewiesen. Die Neurologische Frührehabilitation hilft dabei, sich Teile des alten Lebens wieder zurückzuerobern und sich im neuen Leben wieder zurechtzufinden.

Nach dem Schlaganfall schnell in die Klinik – und nach ein paar Wochen Frühreha so gesund wie nur möglich wieder nach Hause: Das erhoffen sich Patienten und Angehörige. Aber ein Schlaganfall hinterlässt Schäden, die sich nicht reparieren lassen. „Die Nervenzellen bleiben leider zerstört“, sagt Dr. Michael Nagi, Leiter der Neurologischen Frührehabilitation am Münchner Klinikum Harlaching. „Aber das Gehirn kann lernen, sich anzupassen. Diese Fähigkeit bezeichnet man als Neuroplastizität, sie ist in wissenschaftlichen Studien belegt“, ergänzt Prof. Roman Haberl, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Intensivmedizin in Harlaching.

Entscheidend für einen bestmöglichen Therapieerfolg ist die zeitnahe Frührehabilitation nach der Behandlung auf der Stroke-Unit oder Intensivstation. Ziel der Behandlung ist hier, die Folgen der Schäden so gut es geht zu kompensieren: Patienten lernen zum Beispiel, wie sie sich trotz eines gelähmten Armes ein T-Shirt überziehen. Auch, wie ihnen einfache Hilfsmittel zu mehr Selbstständigkeit im Alltag verhelfen können: Mit nur einer Hand eine Semmel mit Butter bestreichen? Das geht mit einem Nagelbrett: Oben halten Metallstifte die Semmel, unten verhindern Saugnäpfe, dass das Brett wegrutscht. Durch regelmäßiges Training gelingt es sogar, verlorene Fertigkeiten neu zu lernen. Auch im Alter ist das Gehirn noch flexibel und kann sich neu strukturieren und lernen. Was zuvor Aufgabe der nun zerstörten Hirnzellen war, können teils andere übernehmen.

Natürlich fällt auch hier der Erfolg nicht vom Himmel, sondern muss oft mühsam und hart erarbeitet werden. „Das ist, als ob Sie in fortgeschrittenem Alter noch ein Musikinstrument neu lernen“, so formuliert es Dr. Nagi. Mit viel Arbeit und viel Übung könne man das gut hinbekommen, ein Profi wird man in diesem Alter aber natürlich nicht mehr.

Repetitives Üben

Diesen Therapieansatz nennt man „Repetitives Üben“: durch häufiges Wiederholen der immer gleichen Abläufe sollen sich diese einprägen. Bei Demenzpatienten, die schon vor dem Schlaganfall Gedächtnisprobleme hatten, ist dies besonders wichtig. Diese tun sich häufig schwer, körperliche Einschränkungen durch geschickte Strategien auszugleichen. Beim Anziehen der Jacke erst den Ärmel über den gelähmten Arm ziehen – ein Patient, der geistig fit ist, hat das schnell verstanden. Demenzpatienten lernen das, indem sie den Ablauf so oft wiederholen, bis er fast automatisch abläuft. Das ist natürlich anstrengend und oft ermüdend, auch stellen sich Erfolge oft nur langsam ein, viele Patienten meinen, sie kommen nicht voran. Wie viel man im Grunde schon erreicht hat, wird manchmal erst im Rückblick bewusst.

Motivation und Aufmerksamkeit im Gehirn sind eng verzahnt

Der Erfolg der neurologischen Frührehabilitation hängt prinzipiell sehr stark davon ab, wie gut die Patienten mitarbeiten. Deshalb versuchen die Therapeuten auch, diese immer wieder zu motivieren. Das geschieht durch die Auswahl der Texte beim Lesetraining. „Hierfür gibt es auch neutrale Standardtexte“, sagt Dr. Stefanie Böttger, Neuropsychologin in Harlaching. Sie bevorzugt indes Themen, für die sich die Patienten interessieren. Ob Fußball oder Geschichte – geht es um das Lieblingsgebiet, sind diese voll dabei. „Die Bereiche für Motivation und Aufmerksamkeit sind im Gehirn eng miteinander verzahnt,“ so Dr. Böttger.

Tiergestützte Therapie

Um Aufmerksamkeit geht es auch bei der „tiergestützten Therapie“. Tiere ziehen diese mehr auf sich als jeder menschliche Therapeut. „Auf Tiere reagieren wir spontaner“, sagt Dr. Böttger. „Das ist evolutionär bedingt, steckt also tief in uns drin.“ Dies hat auch eine Studie bestätigt: Dazu untersuchte man Versuchspersonen mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT), die sichtbar macht, welche Bereiche im Gehirn aktiv sind. Zeigte man den Teilnehmern Videos von Tieren, war die Gehirnaktivität stärker als bei bewegten Computerreizen. Dieser Effekt lässt sich nutzen, um eine spezielle Aufmerksamkeitsstörung, den so genannten Neglect, der bei vielen Patienten nach einem Schlaganfall auftritt, zu mindern. Obwohl sie normal sehen, blendet ihr Gehirn eine Hälfte des Blickfeldes quasi aus. Sie nehmen diesen Bereich nicht wahr. Wurde beim Schlaganfall die rechte Gehirnhälfte geschädigt, ist davon die linke Körperseite betroffen. Denn sie ist für die andere Seite zuständig – und umgekehrt. Setzt man ein Tier, etwa ein Kaninchen, an die Seite der betroffenen Körperhälfte, lenkt dies die Aufmerksamkeit auf sich: Der Patient nimmt den zuvor ausgeblendeten Bereich wieder eher wahr.

 

 

Dr. Stefanie Böttger arbeitet seit 2003 mit tiergestützter Therapie

"Tieren gegenüber müssen sich die Patienten nicht beweisen. Sie können sich dadurch emotional viel schneller auf die Begegnung einlassen als im interpersonellen Kontext. Hier bekommen sie die Möglichkeit zu einem unbefangenen Kontakt. Der Umgang mit Tieren, wie mit Musik, wirkt entspannend und aktivierend zugleich, es entsteht sozusagen eine Art „entspannter Konzentration“. Gerade im funktionalen Bereich können unsere Klinikkaninchen also viel bewegen: unsere dementen wie Schlaganfallpatienten lernen, die Tiere richtig zu halten und dabei gezielt zu greifen. Beim Spielen und Pflegen wird die Koordination gestärkt, und der Körperkontakt, Wärme, Herzschlag, Atmung, Geruch, Laute und das Aussehen eines Tieres aktivieren die Wahrnehmung mit allen Sinnen."

Klinik für Neurologische Frührehabilitation
Klinikum Harlaching
Telefon (089) 6210-2925
stefanie.boettger.server-mail@klinikum-muenchen.de 

zur Klinik für  .... [link]

Neurologische Musiktherapie

Die Wahrnehmung darauf zu lenken, gelingt auch mit der neurologischen Musiktherapie: Dabei kommt zum Beispiel ein Xylofon zum Einsatz, dessen einzelne Klangstäbe nicht verbunden sind. Legt man eins der losen Teile auf die Seite, die der Patient normalerweise nicht wahrnimmt, bemerkt er beim Spielen dennoch, dass etwas fehlt: Die Tonfolge, die ihm der Therapeut zuvor gezeigt hat, ist nicht komplett.

Von Andrea Eppner

Lexikon

Bei einem Schlaganfall werden Teile des Gehirns zerstört. Ursache ist ein verstopftes Blutgefäß im Gehirn oder eine Hirnblutung. Der hier entstandene Schaden läßt sich nicht reparieren. Eine Wiederherstellung – das bedeutet Rehabilitation wörtlich – ist also nur zum Teil möglich.

Mit den frührehabilitativen Maßnahmen beginnt man bereits, wenn der Betroffene noch auf der Intensivstation liegt. Später muss dieser selbst mitarbeiten. Welche Therapien nötig sind, darüber entscheidet auch die Art der Ausfälle.

Im Arztbrief finden sich dazu oft für Laien unverständliche Fachbegriffe:
Als Dysphagie zum Beispiel bezeichnen Mediziner Schluckstörungen.
Hemiplegie nennen sie die Lähmung einer Körperhälfte, bei der Hemiparese ist diese Lähmung nicht vollständig ausgeprägt.
Oft nehmen PatientInnn die betroffene Körperhälfte kaum wahr. Das Fachwort dafür ist Neglect.
Eine Gesichtslähmung bezeichnen Fachleute als Facialisparese, mit einer Dysarthrie sind Sprechstörungen gemeint.

Prof. Dr. Roman Haberl, Chefarzt

Klinik für Neurologie und Neurologische Intensivmedizin
Klinikum Harlaching
Telefon: (089) 6210-2258

neurologie.kh.server-mail@klinikum-muenchen.de

Zur Seite der Klinik > [link]

Prof. Dr. Helge Topka, Chefarzt

Klinik für Neurologie, Klinische Neurophysiologie und Stroke Unit
Klinikum Bogenhausen
Telefon: (089) 9270-2081

neurologie.kb.server-mail@klinikum-muenchen.de

Zur Seite der Klinik >