Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen

„Nun iss doch einfach“, dieser Satz ist allen Eltern essgestörter Kinder sicher mehr als einmal über die Lippen gekommen. Auch wenn sie verstehen, dass ihr Kind nicht einfach aus seiner zwanghaften Gedankenwelt ausbrechen kann und dass der Ekel vor dem Essen auf seinem Teller es davon abhält, die Gabel zum Mund zu führen.

Es ist für alle Eltern so wahnsinnig schwer nachzuvollziehen, dass sich ihr Kind immer noch zu dick findet, obwohl schon längst die Knochen hervorstehen. Es nimmt sich tatsächlich so wahr. Wenn man Jugendliche mit Magersucht bittet, ihre Körperumrisse auf eine große Papierbahn an der Wand zu zeichnen oder mit Seilen auf dem Boden auszulegen, dann zeichnen oder legen sie in der Regel viel breitere Linien, oft mit weit ausladenden Hüften und dicken Oberschenkeln. 

Gefangen im Teufelskreis der falschen Körperwahrnehmung & fehlendem Selbstwertgefühl

Nicht nur die falsche Wahrnehmung ihrer Körperproportionen ist auffallend bei Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen, sondern auch ein extrem niedriges Selbstwertgefühl kennzeichnet dieses Krankheitsbild. Durch das Schlanksein, das allgemeinhin als „schön und erstrebenswert“ gilt, suchen die Betroffenen Anerkennung. Und fallen die Reaktionen des Umfeldes anfangs nicht genauso aus?

Wer bei einer Diät und entsprechendem Sportprogramm den Babyspeck loswird, erntet anfangs viel Applaus der Freundinnen oder Kumpels. Das Gefühl, stark zu sein, die Kontrolle über sich und das Essen zu haben, ist ein sehr mächtiges Gefühl, das ungern aufgegeben wird. So entsteht ein Teufelskreis, aus dem manche Jugendliche ohne Unterstützung von außen oft nicht mehr herauskommen.

Essgestörte haben eine gestörte Wahrnehmung und fühlen sich immer noch zu dick, auch wenn die Knochen schon hervorstehen.

Essstörungen in unterschiedlichen Ausprägungen

Essstörungen treten in unterschiedlichen Formen auf:

  • Patienten mit Magersucht (Anorexia nervosa) nehmen so wenig wie möglich zu sich, teilen die Lebensmittel in Kategorien „gut“ und „schlecht“ ein und versuchen die Kalorienaufnahme auf ein Minimum zu beschränken. Häufig quälen sie sich auch mit übermäßigen Sportprogrammen, um die in ihren Augen überzähligen Kalorien abzubauen.
  • Diejenigen, die unter einer Bulimie leiden, essen zwar und dann oft sehr viel auf einmal, aber sie versuchen dieses Essen durch Erbrechen oder die Einnahme von Abführmitteln möglichst bald wieder loszuwerden.
  • Die „Binge Eating Disorder“ ist gekennzeichnet durch für die Patienten unkontrollierbare Essattacken, die in der Regel zu deutlichem Übergewicht führen.

Mädchen oder junge Frauen sind deutlich häufiger von Essstörungen betroffen als das männliche Geschlecht, allerdings sind männliche Patienten oft schwerwiegender erkrankt.

Wir behandeln Kinder zwischen sieben und 18 Jahren

Kinder und Jugendliche zwischen sieben und 18 Jahren können wir zur kinder- und jugendpsychosomatischen Behandlung auf unserer speziellen Therapie-Station für Essstörungen aufnehmen.

Ab 13 Jahren ist auch eine Behandlung in der besonders auf Essstörungen ausgerichteten Tagesklinik möglich. Im tagesklinischen Setting verbringen die Jugendlichen ihren Tag in der Klinik, die Abende und Wochenenden aber in ihrer gewohnten Umgebung daheim.

Sowohl auf der Station als auch in der Tagesklinik umfasst die Behandlung – neben der körperlichen Rehabilitation durch Ernährungstherapie – vor allem die psychotherapeutische Behandlung. Hier arbeiten wir mit einem Behandlungskonzept, das Elemente verschiedener Therapieverfahren integriert, und beziehen dabei die Familie eng mit ein. 

Keine Altersgrenze im Notfall, keine Untergrenze beim BMI

Aufgrund der engen Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendmedizin auf unserem Schwabinger Kindercampus können wir alle Kinder und Jugendlichen mit Essstörungen behandeln. Wir setzen bei der Notfallbehandlung keine Altersgrenzen nach unten und haben für die vollstationäre Behandlung auch keine Untergrenze beim Body Mass Index (BMI). Der BMI ist eine Relation zwischen Körpergröße und Gewicht, die als Kennmaß für die Abweichung vom Normalgewicht verwendet werden kann.

Kinder und Jugendliche mit einem extrem niedrigen Gewicht und mit körperlichen Beeinträchtigungen können wir zunächst auf einer Station der Kinderklinik behandeln und für eine Psychotherapie motivieren. Die lebensbedrohliche Situation abzuwenden steht anfangs im Fokus der Behandlung, bevor es später in der Therapiegruppe um die langfristige Gesundung geht.

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Essen im Fokus des Denkens

Allen Formen der Essstörungen ist gemein, dass das Essen eine ganz zentrale Rolle im Leben der Betroffenen einnimmt.

Patienten mit Magersucht (Anorexia nervosa) oder Bulimie informieren sich ständig über den Kaloriengehalt von Lebensmitteln, tauschen sich in Foren darüber aus, mit welchen Tricks man noch mehr Gewicht verlieren kann. Sie überlegen sich Strategien, wie sie den Familien-Mahlzeiten ausweichen oder sich heimlich zurückziehen können, um das Gegessene wieder zu erbrechen.

Essstörungen führen zu massiven gesundheitlichen Schäden

Extremes Untergewicht

  • schwächt den Körper
  • schädigt Organsysteme
  • bringt den Hormonhaushalt vollkommen aus dem Gleichgewicht
  • Patienten sind in der Regel anfälliger für Infektionen

Häufiges Erbrechen

  • schädigt durch den Magensäuregehalt die Zähne, aber auch die Speiseröhre
  • führt zu Mangelerscheinungen, die Herzrhythmusstörungen oder andere Organschäden hervorrufen

Extremes Übergewicht

  • führt zu hormonellen Störungen,
  • führt zu Schäden am Bewegungsapparat

Häufig sind Essstörungen mit Scham- und Erschöpfungsgefühlen verbunden, die in einer depressiven Begleiterkrankung oder ausgeprägten Ängsten münden können.

Vielfältige Therapien, um zum eigenständigen Essen zu motivieren

Therapeutisches Konzept

Im Rahmen der psychotherapeutischen Behandlung erhalten die Patienten Einzel-, Gruppen- und Familientherapien nach einem integrativen Ansatz. Dies bedeutet, dass wir sowohl Elemente aus psychodynamischen Verfahren als auch aus der Verhaltenstherapie und vor allem der Systemischen Therapie anwenden.

Wir fördern die Selbständigkeit und Eigenverantwortung unserer Patienten

Mit unserer Behandlung verfolgen wir das Ziel, die Autonomie der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Wir vermitteln ihnen, wie sie sich abgrenzen können, und unterstützen sie dabei, ein stabiles und ausgewogenes Essverhalten (wieder) zu erlernen.

Während die Einzelgespräche der intensiven Auseinandersetzung mit zugrundeliegenden Problemen, aber auch mit den Ressourcen der Patienten dienen, können die Betroffenen in den therapeutischen Gruppen vor allem zwischenmenschliche Probleme und Ängste thematisieren und gemeinsam Lösungen erarbeiten.

Unser Fokus liegt darauf, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu bestärken, aus diesem Grund finden die Hauptmahlzeiten, außer im notfallmedizinischen Setting, nicht unter Beobachtung statt.

Dauer der Behandlung

Im Durchschnitt zwölf Wochen dauert die vollstationäre Behandlung einer Essstörung, wenn wir die Jugendlichen in unsere Therapiegruppe aufnehmen.

Nein-Sagen. Wünsche äußern. Konflikte lösen. Soziale Kompetenz aufbauen

In unserem Sozialen Kompetenztraining, das in der Gruppe stattfindet, lernen die Kinder und Jugendlichen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und sich im Umgang mit anderen abzugrenzen. Manchen fällt es schwer, überhaupt Kontakt aufzunehmen, viele können schlecht „Nein“ sagen bei übertriebenen Forderungen aus der Familie oder dem Freundeskreis.

In Rollenspielen oder Familienaufstellungen lernen die jungen Patienten, eigene Wünsche zu äußern und standhaft zu bleiben. Auch wie sie Konflikte lösen können, ohne ihre Bedürfnisse zurückzustellen oder den anderen zu verletzen, erfahren sie in den Gruppentherapien.

Den eigenen Körper wahrnehmen lernen

Alle Patienten auf unserer Therapiestation für Essstörungen sowie in der Tagesklinik erhalten Körpertherapie in der Gruppe sowie im Einzel. Durch diese Therapie verbessern sie ihre Körperwahrnehmung, erproben einen liebevollen Umgang mit sich selbst sowie eine weniger kritische Sicht auf den eigenen Körper und lernen sich zu entspannen.

Durch Malen und Gestalten Zugang zu Gefühlen und schwierigen Themen finden

Die Kunsttherapie ermöglicht den Patienten, ohne gesprochene Worte inneren Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen. Sie ebnet damit einen alternativen beziehungsweise ergänzenden Weg, mit schwierigen Themen in Kontakt zu kommen und diese dadurch nach und nach bearbeiten zu können.

Die Rolle der Familie wird bei uns als zentral gesehen und stets einbezogen

Für Kinder und Jugendliche spielt das familiäre Umfeld immer eine bedeutende Rolle, wenn Essstörungen entstehen oder aufrecht erhalten werden. In gemeinsamen Familiengesprächen können die Betroffenen erkennen, welche Einflüsse, welcher Druck, welche angenommenen Erwartungen einzelne Familienmitglieder einbringen.

Nach einer 14-tägigen Eingewöhnungsphase beziehen wir die Eltern und Geschwister mit in die Therapie ein. Bei den Gesprächen erarbeiten wir mit den Familien alternative Strategien im Umgang mit Problemen und motivieren jedes Familienmitglied zur Mitarbeit.

Auch bei getrennt lebenden Eltern ist uns sehr wichtig, dass beide Elternteile an therapeutischen Gesprächen teilnehmen.

Probleme und Ängste anders bewältigen als durch das gestörte Essverhalten

Die Essstörung ist in der Regel ein Versuch, unlösbare Konflikte zu bewältigen. Wir motivieren die Patienten und ihre Familien, sich mit den dahinter liegenden Themen auseinanderzusetzen und einen alternativen Umgang zu erproben.

Oft kostet es große Überwindung, sich mit den Ängsten und Unsicherheiten zu beschäftigen, und es kommt in den ersten Wochen der Behandlung erst einmal zu einer gefühlten Stimmungsverschlechterung, bevor es durch erste Erfolgserlebnisse und das Erfahren von Selbstwirksamkeit dann im Therapieprozess stetig bergauf geht.

Um die in der Klinik erreichten Ziele langfristig stabilisieren zu können ist im Anschluss in der Regel eine ambulante Weiterbehandlung erforderlich.

Tagesklinische Behandlung bei nicht extrem fortgeschrittenen Essstörungen

Wenn die Erkrankung noch nicht sehr lange besteht, das Untergewicht nicht mit lebensbedrohlichen körperlichen Beeinträchtigungen einhergeht oder in einer stationären Therapie bereits erste erfolgreiche Schritte absolviert wurden, ist es auch möglich, die Therapie der Essstörung in unserer Tagesklinik (weiter) durchzuführen. Dies setzt aber eine hohe Eigenmotivation der Patienten voraus.

Die Kinder und Jugendlichen verbringen ihre Tage bei uns in der Klinik und übernachten zu Hause bei ihren Eltern oder in einer Wohngruppe. Sie gehen nach einem gemeinsamen Frühstück vormittags in unsere Klinikschule und nehmen nachmittags an unserem umfangreichen Therapie-Programm teil, das eng an das stationäre Behandlungskonzept anknüpft. Abends und am Wochenende sind sie zu Hause bei ihren Familien, um neu erlernte Kompetenzen zu erproben.

Medikamentöse Behandlung bei Begleiterkrankungen

In seltenen Fällen erfordern die Schwere der Erkrankung beziehungsweise das Auftreten von Begleiterkrankungen wie z.B. einer Depression auch eine medikamentöse Behandlung.

Besuch der klinikeigenen Schule

Vorausgesetzt sie sind körperlich in der Lage, besuchen die Kinder und Jugendlichen vormittags die Schule auf unserem Klinikgelände und erhalten dort Unterricht in den Kernfächern – entsprechend der von ihnen besuchten Schulform. 

Spezialgebiete unserer Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik im Überblick